Blüh-Aspekt #1: Alles Wiese oder was?

Das Bewusstsein für Bienensterben und nun auch für den allgemeinen Insektenschwund ist derzeit auf einem Hoch, und allerorts werden Blumen für unsere Blüten besuchenden Freunde angelegt. Doch die Begriffe werden z.T. selbst in der Presse wild durcheinander geworfen, was derzeit zu vielen Missverständnissen führt: Blumenwiese, Blühwiese, Blühstreifen, Bienenwiese, Bienenweide und viele weitere Begriffe geistern herum.

Klären wir also auf:

Die wenigsten Menschen wollen tatsächlich eine Blumenwiese anlegen, auch wenn sie das sagen. Eine Wiese ist nämlich eine dauerhafte Fläche, die vor allem der Tierfuttererzeugung dient und sich quasi ganz nebenbei als Lebensraum für eine große Artenvielfalt entwickelt hat. Wikipedia:Bei der Wiese handelt es sich um landwirtschaftliches Grünland, das […] durch Mähen zur Erzeugung von Heu oder Grassilage genutzt und erhalten wird. Der Lebensraum Wiese ist sehr vielfältig und bietet vielen Tier- und Pflanzenarten eine Heimat, die sich allerdings sehr stark voneinander unterscheiden.[…] Wiesen sind wie die Weiden ein Lebensraum, der seit einigen Jahrtausenden durch den Menschen geschaffen und erhalten wird.

Gerade wegen des hohen Werts für die Biodiversität streben wir möglichst viele bunte Wiesen in unserer Landschaft an. Allerdings sind Wiesen das Ergebnis jahrzehntelanger, gekonnter bäuerlicher Pflege und nicht mal eben zu erreichen, indem man Samen auf etwas Erde streut. Das NBL arbeitet mit Experten zusammen, um in der Landwirtschaft sowie auch auf öffentlichen Flächen wieder gesunde Wiesen zu entwickeln.

Was die meisten Menschen eigentlich wollen, um Insekten zu fördern, sind allgemeine Blühflächen. Hier wird der Erdboden umgegraben oder aufgerissen um Saatgutmischungen auszubringen. Hierbei handelt es sich oft um Ackerbegleitkräuter wie z.B. Mohn und Kornblume (die beide nie in echten Wiesen vorkommen!), um Kulturpflanzen wie z.B. Buchweizen, Sonnenblume, Phazelie oder um Arten, die man früher oft an Wegrändern usw. gefunden hat. Gute Saatgutmischungen zeichnen sich durch einen hohen Anteil an regional gewonnenen Wildpflanzen aus, denn Pflanzen und Insekten haben sich Jahrtausendelang aneinander angepasst – will man die heimischen Insekten fördern, tut man das am besten mit heimischen Pflanzen. Kulturarten dienen meistens als Massen-Nektartankstelle. Diese Blühflächen sind immer nur Ersatz-Lebensräume und bleiben je nach Mischung nur 1-5 Jahre bestehen. Sie sind nicht so hochwertig für die Insekten wie echte Wiesen, was aber durch deren einfachere Anlage und Pflege wieder wett gemacht wird. Diese Flächen sind ideal für Gärten oder Ackerbrachen und auch sinnvoll, weil der Insektenschwund damit auf die Schnelle am effektivsten gebremst werden kann.

Blühende Säume sind durch die Ausräumung der Landschaft fast völlig verschwundene Strukturen, die ganz eigene Pflanzengesellschaften bilden und oft – ähnlich wie Wiesen – viele spezialisierte Blütenbesucher fördern. Säume stehen oft langfristig und man kann sie heute überall anlegen: am Ackerrand, unter dem Wiesenzaun, am Feldweg, im privaten Garten am Zaun entlang oder an der Friedhofsmauer. Man braucht zwei Dinge: eine gute Bodenvorbereitung und das richtige Saatgut: Es gibt einjährige Säume, überjährige Säume, die sich wieder versamen oder besonders wertvolle Säume mit vielen Wildpflanzen in Form von Regiosaatgut, die man auch in der freien Landschaft verwenden darf. Säume spielen in der konventionellen Gartengestaltung völlig zu Unrecht eine viel zu untergeordnete Rolle. Die Vielfalt an erhältlichen Saatgutmischungen für magere bis nährstoffhaltigere Böden erlaubt einen passenden Einsatz in quasi jedem Garten, selbst im Balkonkasten kann man einige Arten halten.

Rasen sind eine begrifflich sehr delikate Angelegenheit, und zwar nicht nur für den gründlich rasenmähenden Vorortgärtner: der Begriff wird nämlich sowohl für hoch wertvolle, natürliche Lebensräume (bekannt ist z.B. der „Kalk-Magerrasen“) als auch für biologisch quasi totgepflegte Grünflächen, wie sie z.B. auf Spielbahnen der Golfplätze, in Privatgärten oder in Parkanlagen stehen. Natürliche Magerrasen sind sehr bedrohte Lebensräume, die durch Überdüngung zerstört werden. Man kann Magerrasen aber auch auf Flächen, die keine landwirtschaftliche Produktivität bieten müssen (in Gärten, im Bereich der öffentlichen Grünflächen sowie auf Firmengelände), künstlich schaffen und so Refugien für bedrohte Tier- und Pflanzenarten schaffen. Meistens ist deren Anlage aber mit einiger Arbeit verbunden und braucht auch einiges Know-How. Dieses stellen wir gerne zur Verfügung oder wir vermitteln zu kompetenten Partnern in unserem Netzwerk. Wir rufen aber auch jeden Gartenbesitzer und Grünflächenverantwortlichen dazu auf, seinen toten „englischen Rasen“ zu reanimieren: hier können Gänseblümchen, Schlüsselblumen und Günsel schon sehr wertvoll für viele Generalisten unter den Insekten sein.

Pflanzen, die an Magerstandorte angepasst sind, ermöglichen ungeahnte Biodiversitätsförderungen an Stellen, die nun wirklich keinem weh tun: so kann z.B. ein Schotterrasen eine Feuerwehrzufahrt in ein Paradies für Spezialisten (sowohl Sechs- als auch Zweibeinige) verwandeln, ohne einen einzigen Quadratmeter Nutzfläche zu kosten.

Blühstreifen sind keine eigene Kategorie von Blühflächen, sondern vielmehr eine eigene Geometrie: sie sind länglich und liegen entweder am Rand oder mitten in einer Fläche eines anderen Typs. Es gibt z.B. Nützlingsstreifen mitten im Kartoffelacker, Altgrasstreifen im Grünland und die blühenden Säume werden meistens automatisch als lange Streifen angelegt.

Matthias Wucherer

Kostenlos abgerufen von: https://bluehende-landschaft.de/worueber-gesprochen-wird/blueh-aspekte/blueh-aspekt-1