Schaffung artenreicher Wiesen durch Mähgutübertragung

Lebensraum für Insekten und Pfanzen

Die meisten der heute landwirtschaftlich genutzten Wiesen beherbergen aufgrund häufiger Mahd und starker Düngung nur noch ein stark reduziertes Artenspektrum. Um den in unseren heimischen Wiesen lebenden Tier- und Pflanzenarten wieder mehr Lebensraum zur Verfügung zu stellen, ist die Neuschaffung artenreicher und schonend genutzter Wiesen dringend notwendig. Jede neu geschaffene Wiese, sei sie zehn Quadratmeter groß oder drei Hektar, bereichert unsere Landschaft – sowohl optisch als auch ökologisch.

Bewahrung der Artenvielfalt

auf Arten- und Populationsebene

Damit neu anzusäende Wiesen einen optimalen Beitrag zur Bewahrung unserer heimischen Biodiversität und der lokalen genetischen Vielfalt der Wiesenpflanzenarten leisten, sollte das für ihre Ansaat verwendete Saatgut am Besten von lokal wachsenden („gebietsbürtigen“, autochthonen) Pflanzenbeständen stammen. Diese sollten möglichst in dem Gebiet liegen, in dem die Samen auch auf natürliche Weise die Ansaatfläche erreichen könnten. Weiterführende Informationen über autochthones oder „gebietsheimisches“ Saatgut finden Sie auf der Seite „Naturgemäßes Saat- und Pflanzgut“ [Link].

Vorgehen bei der Mähgutübertragung

Für die Neuansaat von Wiesen mittels Samenübertragung aus nächster Umgebung hat es sich bewährt, Mähgut artenreicher Wiesen mit den in ihm enthaltenen Samen auf die anzusäenden Flächen zu übertragen. Der Landschaftspflegeverband Dingolfing-Landau verwendet diese Methode seit 1995. Dabei wurden in den ersten Jahren nur Naturschutzflächen angesät, zwischenzeitlich wird die Mähgut-Impfung aber auch zur ökologisch optimalen Schaffung von Ausgleichs- und Ökokontoflächen eingesetzt. Dabei hat sich folgende Vorgehensweise bewährt:

Vorbereitung der Ansaatfläche

Flächen sollten für eine Mähgutaufbringung ebenso vorbereitet werden, als würde reines Saatgut angesät werden, d.h. Pflügen, Grubbern und Eggen sind durchzuführen. Besonders Flächen, die bisher brach lagen, sich in der landwirtschaftlichen Stilllegung befanden oder Problempflanzen wie Ackerkratzdistel, Ampfer etc. aufweisen, sollten gepflügt und ein- bis zweimal bei heißem, trockenem Wetter im Abstand von je zwei Tagen gegrubbert werden.

So vertrocknet ein Teil der Wurzeln und Jungpflanzen dieser Problemarten. Der letzte vorbereitende Arbeitsgang mit Kreiselegge o. ä. sollte wenige Tage vor der Mähgutaufbringung stattfinden.

Technik der Mähgutübertragung

Um mit dem Mähgut möglichst viele Samen zu übertragen, sind die Spenderflächen vorsichtig zu mähen und zu schwaden. Das Mähgut sollte dann einen halben Tag auf der Spenderfläche verbleiben, damit ein Teil der Kleintiere das Mähgut verlassen kann. Danach wird es mit dem Ladewagen aufgenommen. Damit viele Samen im Mähgut verbleiben, sind möglichst wenige und schonende Arbeitsgänge durchzuführen. Deshalb unterbleibt das bei der Heugewinnung übliche Wenden und Trocknen. Für die Maschinenmahd empfiehlt sich ein Balkenmäher, doch sind auch Kreiselmähwerke möglich. Grasaufbereiter dürfen nicht verwendet werden, da sie bereits auf der Spenderfläche einen vermehrten Samenausfall bzw. -beschädigung bewirken.

Auf der Ansaatfläche wird das Mähgut vom Ladewagen abgeladen. Zuerst werden die Haufen mit dem Frontlader, danach händisch ausgebreitet. Anschließend wird das Mähgut mit dem Heuwender (mit langsamer Geschwindigkeit aber hoher Drehzahl) auf der gesamten Fläche verteilt. Wichtig ist es, das Mähgut innerhalb eines Tages zu verteilen, da sich in den Haufen sonst hohe Temperaturen entwickeln, die das Saatgut schädigen. Ein Ausbringen mit Miststreuer und Kurzschnitt-Ladewagen ist ebenso möglich. Diese Methode wird vom Landschaftspflegeverband Dingolfing-Landau aber nicht verwendet, da durch das Zerkleinern des Mähguts Samen ausfallen, die sich im Ladewagen nach unten absetzen und somit das ausgebrachte Mähgut weniger Samen enthält. Verzichtet man auf das Zerkleinern, kann sich das meist langstielige Mähgut um die Streuwalzen wickeln.

Das ausgebreitete Mähgut ist innerhalb von zwei bis vier trockenen Tagen zwei Mal mit dem Heuwender – wie oben beschrieben – zu bearbeiten. Hierdurch wird es auf der Ansaatfläche geheut und viele Samen fallen aus. Danach empfiehlt es sich das Mähgut mittels einer Glatt- oder Rauhwalze an die Erde zu drücken, damit die Samen einen besseren Bodenkontakt bekommen. Das auf der Ansaatfläche verbleibende Mähgut, bewirkt eine meist unerwünschte Nährstoffzufuhr. Diese ist aber tolerierbar, denn mit dem Beseitigen des Mähguts würden auch Samen entfernt, die noch in den Samenständen enthalten sind. Außerdem schützt das Mähgut die Keimlinge in Trockenzeiten, reduziert die Bodenerosion und behindert die Keimung anfliegender Samen von Problempflanzen wie Ackerkratzdisteln oder Weiden.

Obige Arbeitsschritte zur Mähgutübertragung wurden so beschrieben, wie sie mit landwirtschaftlichen Maschinen durchzuführen sind. Bei kleineren Flächen kann jedoch genauso erfolgreich mit Sense, Heugabel, Schubkarre und Rasenwalze gearbeitet werden.

Mähgutmenge

Um einen Hektar neue Wiese anzuimpfen, genügt das Mähgut von einem Hektar arten- und individuenreicher Spenderflächen. Nach dem Anwalzen sollte die aufgebrachte Mähgutschicht bei samenreichem Mähgut höchstens 2 cm mächtig sein, bei samenarmem Mähgut höchstens 3 cm. Dickere Schichten behindern das Keimlingswachstum. Besonders bei Ansaatflächen, in deren Boden noch Samenpotenzial von Wiesenpflanzen zu erwarten ist, sollte die Mähgutschicht zumindest in Teilbereichen dünner sein, um das Keimen der Boden-Samenbank zu erleichtern. Auf diese Weise sind auf einigen der vom Landschaftspflegeverband angeimpften Flächen Pflanzenarten aufgetreten, die in dieser Gegend seit langem ausgestorben waren und in der Boden-Samenbank überdauert hatten.

Im Gegensatz zu neu angesäten Wirtschaftswiesen kann es nach einer Mähgutübertragung länger dauern bis eine geschlossene Vegetationsdecke entsteht. Dies kann für manche Personen ein ästhetisches Problem darstellen. In Wiesen eingestreute Rohbodenbereiche sind aber (neben den oben erwähnten Keimchancen der Boden-Samenbank) besonders bei nährstoffarmen Böden auch wertvolle Lebensraumstrukturen für Sandlaufkäfer, bodenbrütende Wildbienen, usw.

Folgepflege

Wie schnell sich eine mit Mähgut angeimpfte Fläche zu einer Augenweide entwickelt, hängt unter anderem von Standort und Nährstoffgehalt der Empfängerfläche, der Menge übertragener Pflanzensamen sowie den Übertragungs- und Keimbedingungen ab. Im Optimalfall können sich Flächen bereits ein Jahr nach der Mähgutübertragung als attraktive, blütenreiche Bestände präsentieren. Meist dauert es jedoch einige Jahre, bis sich reichblühende Bestände in ihren standorttypischen Artgesellschaften ausbilden.

Damit sich die angeimpfte Fläche zu einer artenreichen Wiese entwickelt, ist eine der jeweiligen Flächenentwicklung angepasste Anwuchspflege nötig. Diese Pflege ist ebenso wichtig wie die Ansaat, um eine artenreiche Wiese zu erhalten. Hierbei sollten Teilbereiche der Ansaatfläche, auf denen sich die gewünschten Pflanzenarten bereits etabliert haben, erst nach deren Absamen gemäht werden, damit sie sich auf der Fläche ausbreiten. Meist stellen sich auf den Ansaatflächen aber auch unerwünschte Arten wie Amaranth, Disteln und Ampfer etc. ein. Flächenbereiche mit solchen Problempflanzen sowie starkwüchsige, da nährstoffreiche Teilflächen, sollten bis zu drei Mal pro Jahr gemäht werden um ihnen Nährstoffe zu entziehen und das Aussamen der Problempflanzen zu unterbinden. Langfristig ist die Wiese je nach Standortverhältnissen ein bis drei Mal pro Jahr zu mähen und möglichst nicht zu düngen. Ein Ausnahmefall sind sehr nährstoffarme Standorte, bei denen in den ersten Jahren die Mahd unterbleiben kann wenn die aufwachsende Biomasse sehr gering ist und keine Problempflanzen auftreten. Das Zusammenrechen des Mähguts der ersten Mahd nach der Mähgutimpfung sollte schonend erfolgen, damit das noch verbliebene Spender-Mähgut möglichst auf der Fläche verbleibt. Hierin sind oft Jungpflanzen verwurzelt, die bei grobem Zusammenrechen geschädigt würden.

Profitipps / Details

Auswahl der Spenderflächen und Schaffung eines vielfältigen Wiesenmosaiks

Wenn man sich entschließt, die naturschutzfachlich sinnvolle Methode der Mähgutübertragung durchzuführen, müssen zuerst geeignete Mähgut-Spenderflächen gefunden werden. Sollten keine artenreichen Wiesen in der Nähe bekannt sein, hilft eine Nachfrage beim lokalen Landschaftspflegeverband, der Naturschutzbehörde oder bei ortsansässigen Naturschutzverbänden. Sodann muss geprüft werden, ob die Mähgut-Spenderflächen „Urwiesen“ sind, d.h. Wiesen, die schon möglichst lange bestehen. Dieses Wissen haben meist die bewirtschaftenden Landwirte oder die Flächenbesitzer. Es ist darauf zu achten, keine Wiesen als Spenderflächen zu nehmen, die ab ca. 1980 angesät wurden. Ab diesem Zeitpunkt wurden in Flurbereinigungsverfahren oder als Ausgleichsflächen Wiesen neu geschaffen und in gut gemeinter Absicht mit artenreichen Saatmischungen angesät, die z.B. Wiesensalbei, Wiesenmargerite und Karthäusernelke etc. enthielten. Dieses Saatgut entsprach damals jedoch keinerlei Autochthonie-Kriterien. Solche Wiesen sind deshalb als Spenderflächen ungeeignet, da mit ihrem Mähgut Pflanzensippen unbekannter Herkunft und einem vermutlich nicht heimischen genetischen Spektrum verbreitet würden.

Um das Standortpotenzial der Ansaatfläche voll auszunutzen und ein möglichst breites Artenspektrum darauf zu etablieren, sollten z.B. feuchte Teilbereiche der Ansaatfläche mit Feuchtwiesen-Mähgut, trockenere Bereiche mit Glatthaferwiesen- oder Trockenrasen-Mähgut beimpft werden. Auch wäre es eine Vergeudung von wertvollem Mähgut, versuchte man auf nährstoffreichen, bisherigen Ackerflächen durch Ausbringen von Magerrasen-Mähgut einen Trockenrasen zu etablieren. Um die dafür benötigten nährstoffarmen Bodenverhältnisse herzustellen, hat sich ein Humusabtrag bewährt. Wenn dies auf der gesamten Ansaatfläche nicht machbar ist, kann es auf Teilbereichen erfolgen. Hierdurch entsteht ein vielfältiges Wiesenmosaik, das aus Magerwiesenbereichen sowie nährstoffreicheren Stellen mit ihren jeweils angepassten Pflanzenarten besteht. Im Zuge der Ausmagerung der humusreichen Wiesenteile, wandern hier die magerkeitsliebenden Arten sukzessive ein.

Zeitpunkt der Mähgutübertragung

Die Wahl des Termins zur Mähgutimpfung hängt von der Samenreife der zu übertragenden Pflanzenarten ab. Für die üblicherweise zu Mähgutimpfungen verwendeten artenreichen Wirtschaftswiesen empfiehlt sich je nach Region und Jahr eine Übertragung von Mitte Juni bis Ende Juli. Bei Mähterminen ab Juli sind die meisten Gräsersamen ausgefallen. Um ein möglichst breites Spektrum der auf den Spenderflächen wachsenden Arten zu übertragen, ist eine sorgfältige Wahl des besten Erntezeitpunktes notwendig. Optimal ist auch eine gestaffelte, mehrmalige Mahd und Übertragung von Spender-Teilflächen. So werden beispielsweise bei der Mahd Ende Juni Wiesenbocksbart, Pech- und Kuckucks-Lichtnelke sowie Gräser übertragen. Deren Samen sind Ende Juli im Mähgut kaum mehr vorhanden, dafür wird dann Wiesen-Flockenblume, Schafgarbe, Echtes Labkraut, Wilde Möhre und Johanniskraut etc. übertragen. Die Samenreife vieler Arten der Magerrasen, Streuwiesen, Kalkflachmooren etc. weicht von obigen Zeiten ab und somit sind für diese Lebensräume andere Mähtermine zu wählen. So kann z.B. bei Streuwiesen mit Duftlauch eine Übertragung erst ab Oktober sinnvoll sein. Bei der Mahd jeder Spenderwiese ist unbedingt darauf zu achten, dass Bereiche, auf denen Pflanzenarten wachsen, die sich auf der Ansaatfläche als Problem erweisen könnten (Ampfer, Ackerkratzdistel, Goldrute, Indisches Springkraut, Landreitgras, etc.) penibel auszusparen und nicht zu übertragen sind!

Artanreicherung bestehender Wiesen

Häufig wird der Wunsch geäußert, in vorhandenen, aber artenarmen Wiesen das Artenspektrum zu erhöhen. Artenreiche Wiesen entwickeln und halten sich in unserer Landschaft meist nur durch ein- bis dreimalige Mahd pro Jahr und der Abfuhr des Mähguts sowie keiner oder geringer Düngung. Diese Bewirtschaftungsweise muss für die anzureichernde Fläche sichergestellt sein, da sich nur dann die zu etablierenden Arten dort langfristig halten können. Eine Artenanreicherung kann durch Aufbringen von Mähgut oder/und händisch gesammelter Samen erfolgen. Der geeignetste Zeitpunkt hierfür ist direkt nach der Mahd der Empfängerfläche. Am besten werden die Samen oder kleine Mengen Mähgut auf Wiesenstellen mit offenem Boden (Wühlmaushaufen oder durch Mahd verletzte Grasnarbe) ausgebracht. Dabei ist darauf zu achten, dass Arten ausgebracht werden die an den Standortverhältnissen der Empfängerfläche gedeihen können. Sehr erfolgreich können z.B. Wiesenbocksbart, Flockenblume, Wiesensilge, Sommerwurz oder Klappertopf durch händische Samenausbringung in Wiesen etabliert werden. Von diesen Erstbesiedelungsorten breiten sich die Arten schnell in die Fläche aus.

Organisatorisches

Selbstverständlich ist vor der Mähgutgewinnung der Grundstückseigentümer/-bewirtschafter um Erlaubnis zu fragen. Bei artenreichen Wiesen empfiehlt es sich, die zuständige Naturschutzbehörde über das Vorhaben zu informieren, bei gesetzlich geschützten Lebensräumen ist eventuell eine Befreiung von den naturschutzrechtlichen Verboten des jeweiligen Schutzgebietes notwendig. Auch hier ist die Einbindung der zuständigen Naturschutzbehörde unerlässlich.

Weitere Methoden

Wird das Mähgut nicht sofort für die Ansaat benötigt, so wäre seine Trocknung und Lagerung wünschenswert. Sie ist jedoch platz- und kostenaufwändig sowie möglicherweise mit Samenverlust verbunden. Hier bietet sich als Alternative das Dreschen des Mähguts an. Das Druschmaterial enthält die Samen in konzentrierter Form und kann getrocknet – eventuell auch gekühlt – bis zum Saattermin gelagert werden. Diese Methode ist auch in Fällen zu bevorzugen, wenn…

  • …das Aufbringen großer Mähgutmengen nicht gewünscht ist (z.B. könnte Starkregen das auf höheren Böschungen ausgebrachte Mähgut abschwemmen und den Boden erodieren),
  • …das Dreschmaterial mit einem Kleber vermischt zur Böschungsansaat verwendet wird,
  • …das benötigte Saatgut über mehrere Jahre gesammelt wird, da nicht genügend Spenderflächen vorhanden sind. Die Gewinnung von Druschmaterial aus artenreichen Wiesen im näheren Umfeld der Ansaatfläche bieten verschiedene Spezialfirmen an.

(Weitere Informationen finden Sie auch unter „Insektenfreundliches Grünland“, „Anlage und Pflege von Licht- oder Magerrasen“, „Blühende Wildwiesen“, „Naturgemäßes Saat- und Pflanzgut“, „Anspruchsvolle Begrünungen mittels Rechengut“.)

Weitere Informationen

Dr. Jochen Späth

Landschaftspflegeverband Dingolfing-Landau e.V.
Obere Stadt 1
84130 Dingolfing
Tel. 08731 87-307
jochen.spaeth@landkreis-dingolfing-landau.de

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Kostenlos abgerufen von: https://bluehende-landschaft.de/handlungsempfehlung/handlungsempfehlung-maehgutuebertragung