Vom ÖFFENTLICHEN GRÜN zum ÖFFENTLICHEN BUNT

„Im Grunde ist es gar nicht so schwierig, man muss es nur wirklich wollen. Der erste und wichtigste Schritt ist, dass man sich mal Gedanken macht, wieso man denn so oft mäht.“ Dieter Felger, Stadtgärtnerei Mössingen

Öffentliche Flächen bieten sich als Nahrungsgrundlage und Lebensraum für Blüten besuchende Insekten an. Parks und Friedhöfe, Verkehrsinseln und „Straßenbegleitgrün“ sowie Straßenränder und Böschungen bieten ein riesiges Potential an wertvollsten Naturschutzflächen. Durch eine entsprechende Planung, Anlage und Pflege können die Wünsche der Bürger ohne weiteres mit den Bedürfnissen von Bienen, Hummeln, Schmetterlingen und anderen Kleintieren in Einklang gebracht werden. Dies muss keinen höheren Aufwand bedeuten. Oft haben kleine Veränderungen in der Pflege schon einen großen Effekt auf die Tierwelt. So kann jede Kommune einen wertvollen Beitrag im Naturschutz leisten.

Gemeinden und Kommunen verfügen über zahlreiche Möglichkeiten ihre Flächen farbenfroh und ökologisch wertvoll zu gestalten. Überwiegend sind kommunale Flächen Rasen oder kurz gehaltene Wiesen. Das wenige Bunt, was in öffentlichen Flächen sichtbar ist, besteht meist aus arbeits- und kostenintensiven Wechselpflanzungen. Diese Pflanzungen sind in der Regel für unsere heimische Tierwelt nutzlos. Dabei können alle öffentlichen Flächen, Grünanlagen, Parks, Friedhöfe, aber auch Verkehrsbegleitgrün, Kreisverkehre und Grünanlagen an öffentlichen Bauten wie Schulen, Krankenhäusern, Verwaltungsgebäuden sowie Parkplätze, Bauwerksbegrünung und Neubaugebiete so gestaltet werden, dass sie attraktiv für Mensch und Tier sind, eine hohe Aufenthaltsqualität bieten und ökologisch wertvoll sind. Und dass mit einem möglichst effektivem und dadurch geringerem Pflegeaufwand und sogar geringeren Kosten als bisher.

Bei vielen Flächen stehen Nutzung und Funktion der Fläche im Vordergrund, z.B. bei Spiel-, Zier-, Wasserrückhalteflächen. Dort wird in erster Linie pragmatisch geplant. Auch die Verkehrssicherheit bei Straßenbegleitgrün und Wegen muss gewährleistet sein. Selbstverständlich müssen diese Flächen weiterhin ihre Funktion erfüllen können, doch schon mit geringen Veränderungen kann die Fläche gleichzeitig das Nahrungsangebot für blütenbesuchende Insekten verbessern.

Kriterien die bei der Gestaltung der Fläche eine Rolle spielen: – Funktion (z. B. häufig frequentiert, Aufenthaltsfläche, Spielflächen, …) – Größe (z. B. Kreisverkehr, Brachfläche) – Lage (z. B. Ortseingang/Park/Schulen/Übergang zur Landschaft) – Standort (z. B. Substrat, Größe, Lage, Neigung, Exposition, …) – Schwerpunkt (z. B. Ästhetik, Kosten, insektenfreundlich, ökologischer Schwerpunkt, repräsentativ)

Die Anforderungen an die Flächen (z. B. Joggen, Liegewiesen) erhalten in Zeiten größerer Bevölkerungsdichte, Überalterung der Gesellschaft und Bedarf an wohnungsnahen Erholungsflächen, eine größer werdende Bedeutung. Dadurch erhöhen sich Nutzungsdruck und Pflegeaufwand, aber auch die Anforderungen an die Aufenthaltsqualität. Deshalb sollten objektive Kriterien wie Flächengröße, Gestaltungselemente und Ausstattungsgegenstände, Bevölkerungsstruktur im Umfeld (Nutzeranforderungen), ebenso wie subjektive Wertesysteme eine Rolle bei der Gestaltung und Pflege spielen – so wird ein Kind einen verwilderten Park, der zum „Räuberspielen“ einlädt anders bewerten als eine Seniorin, die Rosenliebhaberin ist.

Deshalb ist es sinnvoll verbindliche Pflegepläne mit verschiedenen Pflegezielen aufzustellen und den Pflegeaufwand dort zu reduzieren, wo es möglich ist. Nicht überall gilt es Kurzschnitt-Rasen einheitlich zu pflegen oder einheitlich verwildern zu lassen.

Schon die Beachtung weniger Punkte eines ökologischen Grünflächenmanagements können die Lebensqualität für Mensch und Tier erhöhen. Anschließend einige Maßnahmenvorschläge für ein Öffentliches Bunt:

Pflege: – sinnvolle Pflegezeitpunkte (kein Radikalschnitt aller Flächen zur gleichen Zeit) – Anpassung der Schnitthäufigkeit an Nährstoffversorgung von 1 mal auf sehr mageren Standorten (Magerrasen, Verkehrsinseln etc.) bis maximal 3 mal auf fetten Standorten – 1. Mahd Mitte/Ende Juni, sonst Verarmung der Flächen (Absamen der Blüten abwarten), 2. Mahd im Herbst ab Oktober – Belassen von mind. 2 m breiten Saumstreifen bei Gehölzen, keine Mahd an bzw. unter den Gehölzen (nur entfernen von Sämlingen) – Mahd der übrigen Flächen mit Balkenmäher – Abtransport des Mähgutes und Verwertung in Kompostierungs- oder Biogasanlagen – erforderliches Räumen von Gräben erst ab Mitte/Ende Oktober – Freihalten der Straßenbegrenzungspfosten nur unmittelbar am Straßenrand (ca. 1 m)

Umwandlung: – Ausmagern der Flächen (keine Düngung, Abtransport des Mähgutes) – Streifenweises Fräsen von Vielschnittrasen und Einsaat von Wildblumenmischungen – Heumulchverfahren: Auftragen von artenreichem Schnittgut und Heuen auf den zu verbessernden Flächen

Neuanlagen: – Pflanzen von Insekten-Nährgehölzen aller Art – Anlage von Blühflächen mit ein- oder mehrjährigen Blütenpflanzen oder Staudenfluren (z. B. auf Straßenmittelstreifen, hier keine Rasenflächen) – Ansaat mit Wildblumenmischungen, Anlage als Blumenwiesen, reduzierte Pflege – Ansaat bzw. Bepflanzen mit blühenden, insektenfördernden, bevorzugt einheimischen Stauden oder Gehölzen

Ungünstig: – Mulchen (Nährstoffanreicherung, Tod vieler Insekten und Kleintiere in Mulchgeräten und Häckslern) – Häufige Mahd – Mahd im Zeitraum Juli bis September (größter Nahrungsmangel bei Insekten) – Mahd mit Absauggeräten (Absaugen von Insekten und Kleintieren) – Grabenfräsen (Zerstörung des gesamten Biotops Graben) – Bepflanzung mit nektar- und pollenlosen Zierpflanzen (z. B. mit gefüllte Blüten, die keine Nahrung für Blütenbesucher geben, plus hohe Kosten) – Anlage und Pflege von Vielschnittrasen

Wie geht man dies in der Kommune an?

Die grundlegenden Fragen, die sich veränderungswillige Kommunen stellen sollten, ist „Warum mäht man so oft?“ und „Ist dies zwingend überall nötig?“. Oftmals reichen diese Fragen aus, um einen Denkanstoss und neue Planungsprozesse auszulösen. Ziel dieses Neudenkens muss es sein, insektenfreundlichere Pflegeregime Stück für Stück im Flächenmanagement der Kommune zu verankern. „Große/radikale Veränderungen“ sind auch möglich, bedürfen jedoch längerer Vorbereitung mit breiter öffentlicher Diskussion und enger Einbeziehung der Entscheidungsträger, sowie der Mitarbeiter und Bürger. Auch aus dem Gesichtspunkt der Arbeitseffizienz ist die Anpassung des Mähregimes oftmals ein Gewinn. Gerade im Sommer entstehen hohe Arbeitsspitzen bei den kommunalen Mitarbeitern, denn die zu mähenden Flächen sind groß und vielfältig. Manche Grünstreifen sind schmal oder mit effizienten Geräten nicht erreichbar, weshalb ein hoher personeller Aufwand bei der Handbearbeitung nötig wird. Stattdessen können nach Änderung des Pflegeregimes die frei werdenden Mitarbeiter andere Tätigkeiten, wie z.B. die floristische Aufwertung bestehender Grünflächen mittels Heu-Ansaat durchführen, Gehölzschößlinge in artenreichen Säumen pflegen oder Lebensräume für bodennistende Wildbienen schaffen.

Solche Veränderungen des Pflegeregimes erfordern in vielen Kommunen auch strukturelle Anpassungen mit langfristigen Umsetzungsperspektiven. Auch müssen diese Veränderungen keine völlige Abkehr von der herkömmlichen Arbeitsweise, etwa von saisonalen Schmuckbeeten bedeuten, denn viele Bürger werden dies weiterhin fordern. Ebenso gilt, dass naturnahe insektenfreundliche Pflanzungen und Pflegekonzepte nicht überall die beste und effizienteste Lösung darstellen. Doch gibt es in jeder Kommune Potentiale für ein ökologisches Umdenken im Grünflächenmanagement. Ausdauerndes Erklären und Werben für die ökologische Neuausrichtung der Pflege bei Mitarbeitern und in der Öffentlichkeit ist deshalb eine Grundlage für den langfristigen Erfolg. Mittel hierzu sind Schriftbeiträge in kommunalen Blättern oder Zeitungen sowie öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltungen.

(Weitere Informationen zu den einzelnen Bereichen finden Sie in zahlreichen anderen Texten des Netzwerks Blühende Landschaft, z.B. Anlage von Hecken oder Gehölzen , Liste mit 80 blühenden Gehölzpflanzen , Ein Staudengarten für Blütenbesucher, Naturgemäßes Saat- und Pflanzgut, u.a. )

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Kostenlos abgerufen von: https://bluehende-landschaft.de/handlungsempfehlung/vom-oeffentlichen-gruen-zum-oeffentlichen-bunt